Raddusch

Zwölf ist die Zahl an tausend Jahren,

Die sich als Rund des Weges breiten,

Den wir als Bund von kleinen Scharen

Von Suchern heut und eh durchschreiten.

 

Zur Burg, die wir in steter Mitte,

Wenn auch von Nebel oft verhangen,

Erahnen, richten wir die Schritte,

Die wir im großen Kreis gegangen.

 

Und spiegeln sich an weißen Wänden

In Gaukelspielen unsre Schatten,

Und reißen sie, daß Blitze blenden

Umfängt kein Schreck uns noch Ermatten.

 

Es zieht uns weiter ohne Zagen

Durch kahle Ebnen, die vom Eise

Ergleißen, aus dem Felsen ragen,

Seit Urbeginn die alte Reise.

 

Des Ursprungs Tiere sind Gefährten

Der Götter Boten gar und Beute,

Als Kleid und Speise zu verwerten,

Gejagt um Fleisch und Horn und Häute.

 

Wir fingen sie in tiefen Gruben,

Die wir mit baren, toten Händen

Aus dem erstarrten Boden huben,

In die sie, um dort zu verenden,

 

Hinunterstürzten. So am Pfahle,

Den wir gespitzt mit scharfen Kanten

Von Feuerstein: bereit zum Mahle

Selbst Wollnashorn und Elefanten.

 

Dann sprangen wir um Opferfeuer,

Wenn durch der Masken Münder Ahnen

Die Stimmen hoben ungeheuer

Und Lieder sangen die Schamanen,

 

Bis endlich selbst der Herr der Tiere

Erscheint am Bluttisch bei der Schönen,

Der Priesterin, auf alle Viere

Gekniet, erwartend, ihm zu frönen.


Geburt und Tod im Ring von Zelten,

Und Traum und Feiern, Wandern, Jagen

In Tundra-Fluren, Eiseswelten,

So heute wie zu andern Tagen.

 

Sah einer, daß der Gletscher schmölze?

Seit je kristallne Flächen tauten,

Wo Gräser sprössen und Gehölze,

Darin die Vögel Nester bauten?

 

Und doch geschah es: Flüsse schoben,

Die Schollen brechend, Megalithen;

Die Ströme schwollen, bis gehoben

Der Boden war, um Frucht zu bieten.

 

Nun drängte zahllos an die Schwemme

Des Rentiers, Hirsches, Urrinds Herde,

Und stummer Münder fremde Stämme

Durchwagten unbenamt die Erde.

 

Sie schieden sorgsam nach Bereichen

Für sich, für Götter, für Dämonen

Und stellten Pfeiler auf zum Zeichen

Des Ortes, da sie künftig wohnen.

 

Den Himmel teilten sie in Kreise

Von Sonne, Mond und lichten Sternen,

Auf daß sich Tag und Jahr erweise

Zum Maß für Zeit- und Raumes Fernen.

 

Die Große Mutter furchten Pflüge,

Aus Ästen scharf herausgehauen,

Damit sie Saat und Ernte trüge,

Um Land und Acker zu bebauen.

 

Sie setzten Steine zum Gemäuer,

Bald prangten Städte stolz von Türmen,

In die sie bargen, was sich teuer

Erhandeln ließ, vor Feuer, Stürmen

 

Und Horden, die bewehrt, beritten,

Mit Pferd und Wagen hergezogen,

Um Gold und Krone grimmig stritten,

Sie raubten, stahlen und erlogen.

 

Auch wir erlernten, Erz zu schmieden,

Daraus das Schwert, den Speer zu hämmern,

Das Brot zu backen, Kraut zu sieden,

Den Stall zu bauen Schafen, Lämmern,

 

Den Pferden, Rindern, Schweinen, Ziegen;

Wir banden Flöße, fingen Fische,

Wir sägten Holz für Kinderwiegen,

Für Bänke, Schränke, breite Tische.

 

Auch schnitten wir aus selbem Baume

Den großen Göttern Holz-Idole,

Erschaut als Bild-Gestalt im Traume

Und festgehalten uns zum Wohle.

 

Die Fülle formte Gold zu Ringen,

Die wir um Arm und Finger wanden,

An unsrer Frauen Schläfen hingen,

Die Wolle weich zu Fäden banden.

 

So sahn wir Met-benetzter Lippe,

Umkränzten Haupts, gesalbt, gekleidet

In feines Linnen, aus der Sippe

Ein Volk erwachsen, das beneidet,


Gefürchtet auch vor andern schwelgte.

Wie zäh erhielten wir die Sitte!

Wer wußte, daß das Reis schon welkte,

Der Stamm vermodert aus der Mitte?

 

Wir sahn die Brüder gleicher Zunge,

Herausgetreten aus dem Haine,

Betrachten, wie die Axt im Schwunge

Zerhackt des Aufgeragten Beine,

 

So daß der Gott vor fremden Pfaffen

Und dessen Kriegern, die sie schützen,

Zu Boden stürzt! Und stumm begaffen

ihn jene, die ihm nichts mehr nützen.

 

Doch was weit schwerer wog: Im Kaufe

– Wo wir das Gestern noch verborgen

Im Herzen trugen –  durch die Taufe

Erfeilschten sie ein feiles Morgen.

 

Wir mußten nun die Tage zählen,

Die uns noch blieben eigner Weise.

Und ob sich schickt, den Kampf zu wählen,

Erwägen, oder feig und leise

 

Zu fügen sich der Weltenstunde.

Der sagte so, und der zum andern

Im Rate riet. Doch eine Wunde,

Die nie verharschte, trieb zum Wandern.

 

Zwar kämpften wir, und manche Schlachten,

Doch keine Kriege zu gewinnen,

War uns vergönnt. Die Zeiten brachten

Erst Fron, dann Frieden. Nur tief innen –

 

Da blieb die Sehnsucht, abzustreifen

Den fremden Glauben, der erzwungen

Den Vätern war, und nachzuschweifen

Den Göttern, lange unbesungen.

 

So ziehn wir wieder, ohne Worte

Und ohne Lieder, die vergessen,

Durch alte, still vergreiste Orte,

Das lang Gesuchte zu durchmessen.

 

Und immer steht die Burg inmitten,

Ein Inbild Daseins starker Mauern,

Ein Wir, ein Ich, das unbestritten,

Die Wallburg, drin bei sich zu dauern.

 

Sie ist gerundet wie die Kreise,

Von nah und ferne sie umzirkend,

Ein starres Abbild jener Reise,

Verheißung, Gleichnis, unverwirkend.

 

Doch jeder Weg, der sie umwindet,

Führt einmal grade vor das Tor,

Das jeder Wandrer plötzlich findet,

Dieweil es ihn als Ziel erkor.