Aktuelles

23.04.2019

Frühlingsfest in Breslau

Das Holzsammeln
Das Holzsammeln

Godъ war für die Urslawen eine sich für die Veranstaltung der Jahresfeier eignende Zeit. Hody (weihnachtliche Tage) an der Scheide des alten und neuen Jahres feiern die Sorben bis zum heutigen Tag. Die polnischen Heiden begehen jedoch außer der winterlichen gody – der so genannten  szczodre – noch andere, die jare  (auf Deutsch heftige, üppige, kräftige) heißen. Sie feiern sie am Sonnabend Nachmittag zu Beginn des Frühjahrs, und diese haben so anmutigen Inhalt, dass wir heuer aus Sachsen hinfuhren.

 

Die Begrüßung der wärmeren Jahreszeit wurde vom Breslauer Verein Watra (Das Feuer) am 23. März veranstaltet. Ab 15:00 Uhr versammelten sich die Teilnehmer auf der Insel am Flutkanal, drei Kilometer nordöstlich vom Zentrum der schlesischen Hauptstadt. Zum ersten Mal begingen die Breslauer das Fest im Jahre 2009, damals hinter dem Kanalarm, nahe der Alten Oder. Danach veranstalteten sie das Frühjahrsfest nur noch auf der schmalen Kanalinsel, in deren westlichen Zipfel nur ein einziger Weg führt. Die künstliche Insel ist für die niederschlesischen Heiden noch deshalb wichtig, weil sie darauf ihr Heiligtum erbauen wollen. Nach dem Sammeln des Geldes für einen Architekten und Material, erhoffen sie sich eine amtliche Genehmigung.

 

Bei wolkenlosem, warmem Wetter fingen einige Freiwillige an, eine Strohpuppe auszustaffieren. Einer hatte das Gesicht aus Holz geschnitzt. Auch ein vornehmes Kleid zog man ihr an, so daß sie mir eine Königin zu sein schien. In meiner Vorstellung sieht die Winter- und Todesgöttin häßlicher aus. Aus dem umliegenden Hain trugen die Männer Holz auf den Scheiterhaufen zusammen. Die Frauen säuberten den Opferplatz von kleinen Abfällen, welche dort zufällig lagen, und kehrten trockenes Laub weg, damit das grüne Gras zu sehen ist. Sechs Mädchen sangen am Ufer Kreisreigen tanzend Volkslieder (vor allem ukrainische). Sogar zwei Musikanten begannen mittelalterliche Musik auf einem Violoncello und einer Geige zu spielen. In der Mitte des Opferplatzes erhebt sich eine hölzerne Säule. Von Zeit zu Zeit beschädigen sie Vandalen an der Oberfläche, weshalb die Gläubigen einen Kopf für die Perun-Statue brachten und zur Frühlingsfeier gesondert aufsetzten. Dem Bautzener Berichterstatter fiel wegen seiner Körpergröße sogar die Ehrenaufgabe zu, das Haupt nach der Feierlichkeit abzunehmen.

 

Ungefähr sechzig Gläubige traten in einen Kreis zusammen. Der Priester Rafał Merski erinnerte sie an die Notwendigkeit, Handys auszuschalten, und erklärte den Neulingen den Ablauf der Zeremonie. Sie dauerte verhältnismäßig lange und beinhaltete sowohl das Ertränken von Marena, als auch Verherrlichung von Gottheiten der sich wieder gebärenden Natur. Vor bösen Geistern wurden wir durch Gerassel zweier Klappern geschützt. Die Priesterin Dorota Sołęga erzählte uns einen Mythos über die Göttin Mara und deren Bruder Jarylo. Einen nach dem anderen bespritzte sie mit Wasser, wodurch wir Kraft für das neue Jahr bekamen. Um die Erdgöttin Mokosch zu ehren, rollte sie farbige Eier auf dem Gras. Je ein hart gekochtes erhielt auch jeder Teilnehmer. Auf ein gebackenes Brot legten wir unsere Hände, um uns geistiger und körperlicher Schmerzen zu entledigen. Der Laib wurde vom Priester in die Flammen geworfen.

 

Nach dem Ritual blieben viele unter den Wipfeln der Bäume stehen, um sich zu unterhalten. Wir tranken Met, aßen Kekse und freuten uns beide darüber, mit unseren polnischen Brüdern den alten slawischen Brauch zu pflegen. Unvermutet vermittelte uns der Priester eine peinliche Nachricht – die Polizei lauscht an der Brücke. Geschwind begossen wir das Feuer mit Flußwasser und machten uns auf den Rückweg. Beamte erkannte ich glücklicherweise keine, angeblich schnüffelten dort bloß die Geheimagenten. Die Teilnehmer, welche Lust hatten, fuhren noch in den Club Salonik, wo Watra zehn Jahre seines Bestehens feierte und zugleich den vierzigsten Geburtstag des Obmannes Rafał. Mitten im Spielmannsrepertoire erklang unverhofft das sorbische Lied Daj mi jedno jajko.