Prinzessin Swanwithe

Nach einem Märchen von Ernst Moritz Arndt


Zu Gora saß auf seinem Throne

Der alte Rodnik, gram und greis,

Rujana hielt er lang in Frone,

Sein Bart wie Kreide war so weiß.

 

Doch seiner Tochter lichte Augen,

Ihr Angesicht so gut und hold

Ließ manchen Freund und edlen Draugen,

Den Arm von Silber voll und Gold,

 

Mit reichen Schätzen Guts und Blutes,

Von Minne zart und wild entbrannt,

Zum König treten frohen Mutes,

Um kühn zu werben ihre Hand.

 

„Wie strahlt so stolz ihr schönes Auge,

Wie blüht ihr schöner Mund so rot –

Herr Rodnik, sagt mir, ob ich tauge

Zum Eidam Euch, mein Herr Wowod!“

 

Der König wand das Haupt zur Seite,

Sah nach der stolzen Tochter hin:

„Swanwithe, taugt er dir zur Freite,

Neigt diesem zu dein hoher Sinn?“

 

„Herr Vater, er ist wohlgeboren,

Er stammt von künftigem Geblüt,

Ich bin an Leib und Geist verloren,

Ich bin so traurig im Gemüt.“

 

Doch eines Tages kam aus Polen

Ein Prinz von schwarzem Aug und Bart,

Verlangte auch, sie heim zu holen,

Obgleich ihr Sinn so spröd und hart,

 

Und als er vortrug sein Begehren

Und ihre Hand in seiner ruht’,

Da sprach die Lippe ihr Verwehren

Und barg in diesem jähe Glut.

 

Der Prinz verblieb ein Jahr am Orte

Und tauschte nur mit ihr den Blick,

Dann sprach zum König er die Worte:

„Bevor ich mich zur Reise schick’,


Sei sie mir angelobt zur Nenke –

Besaß ich sie doch schon als Weib,

Und nimmer geht es, daß sie schenke

Nun einem andern noch den Leib.“

 

Der Erska rief nach starrem Schweigen:

„Sie sei gebannt in einen Torn.“

Kein Bitten mochte ihn noch neigen,

Nachdem er so befahl im Zorn.

 

Am Rand der Au voll bunter Blüten,

Wo schwarzer Wald besäumt den Hag,

Dort mußte sie im Turme hüten

Ein finstres Lager ohne Tag.

 

Drei Jahre gingen so in Trauer

Dahin. Doch eine Nacht durchzieht

Ein Traum – und draußen vor der Mauer

Den Wächter dort beschwört Swanwith,

 

Dem strengen Aita vorzutragen,

Daß sie, da rein und ohne Schuld,

Ein Urteil zu Mittsommer wagen

Und Schätze auch, so er ihr huld,

 

Dem Reich Rujana könnt’ erringen,

Zur Nacht Kupals am Wall zu Garz.

Da ließ der König Kleider bringen

In ihre Kerkernacht so schwarz,

 

Swanwithe ward ein Bad bereitet,

Ein Mahl, bei dem ein jeder schwieg;

Zum Wagen wurde sie geleitet,

Den, schön wie nie, sie nun bestieg.

 

Der längste Tag verschwamm im Dunkeln,

Vom Mond das Mädchen war so bleich,

Das bar des Kleids im Sterngefunkel

Durchschritt die Wiesen kühl und weich.

 

Als dort ihr Fuß auf hohem Kulme

Des Walles steht, wird dieser mürb

Und öffnet sich, daß sie im Mulme

Zugrunde ginge und verdürb,

 

Doch sank sie, als sie schwand im Boden,

Sacht nieder in geheimen Saal,

Der golden glänzte von Kleinoden,

Geschmeiden, hell und ohne Zahl,

 

Von Edelsteinen, Leuchtern, Lüstern,

Die Blicke wirrend mit Gegleiß.

Umgoldet, aber selbst im Düstern,

Sah das Mädchen einen Greis,

 

Zerschlissnen Rockes: einstens Hortes

Und Thrones Wahrer, totenfarb,

Der nach dem Untergang des Ortes

Durch Schwert und Feuer nicht verstarb,

 

Zu stillem Leben in der Erde

Mit einer Schattenschar verflucht,

Die vor des Königs Hand Gebärde

Sogleich den goldnen Saal besucht.

 

Der König hieß sie, Kostbarkeiten

Und Schätze ohne Maß und Rand

Zu greifen und Swanwith zu leiten

Hinauf in Lichts und Lebens Land.


Das Mädchen folgte aus den Zimmern

Und weiten Hallen einem Weg,

Kristallen durch ein fernes Glimmern

Erzeigt, und ließ des Tods Geheg

 

Zurück. Doch nun, als schon die Helle

Dem Dunkel abrang ihre Dause,

Verharrt die Seele vor der Schwelle

Und fügt sich in des Schweigens Klause:

 

Nur einmal in das Dunkel wandte

Den Blick Swanwithe nach dem Zug

Der blassen Schatten. Da verbannte

In jene Schar sie dieser Lug.

 

Anstatt der goldbedeckten Runde

Der Diener sieht sie, wie der Greis

Zum Ungetüm, zum Riesenhunde

Sich wandelt, dessen Zähne weiß

 

Und spitz wie blanke Dolche drohen;

Von Kohle ist sein schwarzes Fell,

Und sengend grelle Feuer lohen

Aus dreier Häupter Mäuler hell.

 

Der Weg zu Tage blieb versiegelt,

Wie der zur Tiefe auch verscholl.

Nur taubeträufte Wiese spiegelt

Die Morgensonne übervoll.