Jaromar und Jaroslav

Der weißen Insel schroffe Klippe

Lag goldbesonnt im letzten Schein,

Als vor den Thron von grauem Stein

Beschied der König seine Sippe.

 

„Ich werde bald ins Land im Westen

Der Sonne folgen ohne Kehr.

Damit sich nicht das Reich versehr’,

Bestimmt im Wettkampf euren Besten.

 

Daß keiner meinem Sohne neide,

Er habe nur geerbt das Land,

Sei König jener, der vom Strand

Zuerst erklomm den Fels aus Kreide.“

 

Prinz Jaromar, der erste Krieger

Aus Swantowits geweihter Schar,

Erhob das Haupt und sprach: „So wahr

Dein Sohn ich bin: Ich bleibe Sieger.“

 

In selber Nacht verschied der greise

Beherrscher Rügens, und sein Leib

Ward aufgebahrt, als leis sein Weib,

Geheimer Kunst und Zaubers weise,

 

zu Jaromar sprach ohne Tränen:

„Ich sah im Traum auf deinem Thron

Des alten Fischers kühnen Sohn,

Und sah ihn schon sich König wähnen!

 

Wohl niemand ist wie er behende,

Doch will ich sorgen, daß das Recht

Verbleibe unserem Geschlecht

Und du erklimmst die Felsenwände.“

 

Als bald die Priester an die Scheite

Die Fackeln hielten, bis sie lohten,

dem Herrn den letzten Gruß entboten,

da trat sie dem Gemahl zur Seite.

 

So stand die Königin im Schweigen

Beim König auf dem Stoße Holz,

Verharrte ohne Klage stolz,

und Raben kreisten hoch im Reigen.

 

In einer Hütte fern am Strande

Ein alter Fischer zeigt aufs Meer.

„Was dort zu fangen ist, begehr’

Und bleib’ bei deinem rechten Stande.“

 

Doch Jaroslav, der so geschwinde

Und kühn erklettert jedes Kliff,

Sprach dies zum Vater: „Unser Schiff

Behüte weiter, doch ich finde,

 

Ob Ruhm ich oder Tod erlange

Im Wettstreit mit des Königs Sohn,

Das Rechte, das mir gilt als Lohn,

Am weißen, glatten, steilen Hange!“


Des nächsten Morgens standen beide

Am Strande schon – Prinz Jaromar

Und Jaroslav –, die Hände bar,

Die Leiber bloß, am Fels von Kreide.

 

Und als des Priesters Horn zum Zeichen

Erscholl, erfassten sie die Wand,

Die unbezwingbar lotrecht stand,

Und hingen schon im mürben, weichen

 

Gestein und schoben sich nach oben,

Behutsam an den Fels gepresst,

Die Griffe prüfend: Ist er fest?

Den Sieger wird man herrlich loben!

 

Doch Weh – wer abstürzt, wird zerschellen!

Nur dicht zur Wand geblickt und nicht

Hinunter wenden das Gesicht!

Dort rauschen fern und leis die Wellen …

 

Wie zäh verrinnt die böse Stunde!

Fast reglos hängen sie am Kliff,

Das Sand und See so glatt beschliff.

In Sorge harrt der Priester Runde.

 

Doch zeigt sich langsam, wie des Alten,

Des armen Fischers kecker Sohn

Allmählich höher klimmt und schon

Recht nah ist! „Soll des Reiches walten –

 

Des Königreichs – ein Fischerknabe?“

Die Priester sahn einander an,

Doch Hoffnung hob geringen Mann.

Da sagte jemand: „Seht, ein Rabe!“

 

Und bald noch einer und ein dritter,

Ein schwarzer Schwarm von Raben schwang

Zum Fischersohne sich am Hang

Und zuckte nieder wie Gewitter.

 

Zerschmettert fand man ihn, zerbrochen

Wie Arm und Bein der stolze Traum.

Als Bettler lag er unterm Baum

Ein Jahr noch mit gekrümmten Knochen.

 

Doch als er blind und lahm gestorben,

Gab Jaromar ins Grab sein Schwert.

So ward vom König der geehrt,

Der fast ein Königreich erworben.