Die Mittagsfrau

Golden lag der Flachs im Morgen,

Glänzte wie des Mädchens Haar,

Das den Acker zu besorgen

Früh ins Feld gelaufen war.

 

„Geh, das Unkraut auszujäten,

Doch zu Mittag halte Ruh –

Darfst dich nicht dabei verspäten,

Daß kein Leid dir stoße zu.“

 

Solche Worte sprach die Mutter,

Als dem Mädchen sie das Brot

In der Küche strich mit Butter.

„Sah im Traum dich liegen tot!“

 

„Maći, mußt um mich nicht weinen“,

Lachte da das schöne Kind,

„Spinne bald den Flachs zum Leinen,

Näh’ ein Hochzeitskleid geschwind!“

 

Und das Mädchen ward vor Wonne

Über seinem Werk nicht müd,

Bis am Himmel hoch die Sonne

Stand im hellen, heißen Süd.

 

Da vom Turme schlug die Glocke

Zwölfe, und ein Aug so blau

Blinzelt durch die blonde Locke –

Sah im Feld die weiße Frau!

 

Sah die Sichel in den Händen,

Wie sie in der Sonne gleißt.

„Weh, wie mag dein Zorn sich wenden?“ –

„Sprich vom Flachse, was du weißt,

 

Eine Stunde, und ich schone

Dir dein Leben, bist du klug.

Ernte, was ich geb’ zum Lohne.

Wahres rede ohne Trug.“

 

So befahl die Mittagsmuhme,

Und das Kind begann sogleich:

„Fein geharkt sei jede Krume

Und die Erde glatt und weich.


Wohl ist auf die Zeit zu sehen,

Daß die Frühlingssonne schein’,

Kalte Winde nicht verwehen

Und der Frost versehr’ den Lein.

 

Mußt vor Unkraut ihn behüten,

Vor dem Käfer und der Schneck’,

Bis der Anger seine Blüten,

Jeden Halm gen Himmel reck’.

 

Auf die Felder muß man laufen,

Früh im Tau den Flachs beschaun,

Alle kommen, ihn zu raufen,

Sind die kleinen Köpfchen braun.

 

Hurtig soll die Ernte trocken

Werden; also liegt sie breit

Auf den Wiesen, und zu Hocken

Stellt sodann man sie bereit

 

Für die Fahrten in die Tennen,

Wo der Riffel Zähne dann

Halm und Samenkapsel trennen.

Diese drischt der starke Mann.

 

Sind die Samen bald gemahlen,

Wohl das Öl zum Quarke schmeckt,

Doch den Schulzen muß bezahlen,

Wer den Flachs ins Wasser steckt.

 

Schlecht bekommt er dort den Fischen.

Trocknen muß er wiederum,

Dann im Ofen dörren, zischen,

Schon ist auch der Herbst herum.

 

Endlich wird der Flachs gebrochen,

Dann gehechelt, bis der Bund

Feiner Rocken in den Wochen

Kalten Winters Stund um Stund

 

Von den Mädchen wird versponnen

Und gehaspelt zum Gebind.

Was zur Weihnacht ward begonnen,

Ist zur Fassnacht schon geschwind

 

Als das Garn, das schöne, weiche,

Webbar zu dem Tuch von Lein.

Grünt die Wiese wieder, bleiche

Man es weiß und fein.

 

Schneeweiß taugt es dann zur Feier,

Wenn die Jungfrau Hochzeit hält.

Ach, bald wird auch mich ein Freier

Wählen, der mir wohlgefällt!“

 

Schon hört man die erste Stunde

Schlagen, und die Sichel blitzt,

Und ein Tröpfchen aus der Wunde

Rinnt, in zarte Stirn geritzt.

 

Abends, als der Tag verglommen,

Hat ein Knecht, der kam vom Wald,

Sie vom Boden aufgenommen;

Heim trug er das Mädchen bald.

 

Viele Winter hat sie Leinen

Noch gewoben, bis sie starb,

Und man sagte, daß es keinen

Sommer gab, der ihr verdarb,


Was sie einmal hegt’ zur Pflanze.

Voll des Tuches war ihr Schrank –

Nimmer ging sie mehr zum Tanze,

Lächelnd saß sie auf der Bank.