Die Linde von Zinna

I.

Vom alten Reich hat uns die Frau gesprochen,

Von dessen Heil und Segen und Bestand,

Von ihren Vätern, die einst aufgebrochen,

Weil sie der König rief aus Sorbenland.

 

Nur Knechte erst, doch bald in eigner Kate

Am Leintuch webend für das eigne Brot.

Zu Zinna dienten sie des Königs Staate

Mit Fleiß und litten fürder keine Not.

 

So voller Rede hat sie plötzlich sich erhoben,

Um uns im nahen Kloster einen Ort

Zu weisen, da sie auf den kühlen Boden

Mit barem Fuße trat und sprach das Wort:

 

„Hier fließt die Kraft.“ Hier spüre man sie milde

Und warm den Leib durchströmen, bis er bebt;

Und dort gewahre man vor frommem Bilde,

In Wonne wie die Kraft zum Himmel strebt.

 

Wir taten Gleiches, doch die Stirn in Falten

Gelegt. Der eine hob die Schulter still,

Der andre rätselt, ob die Kräfte walten

Auch dann, wenn ihm der Glaube fehlen will.

 

Das Kloster schloß, wir traten aus dem Tore

– Ein Händeschütteln, Gruß und Lebewohl –;

Da sah ich einen Lindenbaum im Flore,

Uralt, den Stamm zerspellt vom Blitz und hohl:

 

Sein Walten weist, auch mit Bedacht versiegelt,

Die wahre Kraft, aus der das Reich gedeiht,

Vom Stein gedämmt, gebrochen, doch gespiegelt,

Dem Gott des Orts geweiht, vom ihm gefreit.

 

II.

Zu Zinna klafft beim Dom Zistarz

Zerspaltnen Baumes Wunde schwarz.

 

Er trägt doch tausend Jahre Grün,

Wird unsre Frist noch überblühn.

 

Den Wenden sah er, der das Haupt

Zur Taufe beugt, und überlaubt

 

So dies, wie einst der Gode goß

Den Met, der aus dem Horne floß.

 

Er sah den Hunger und die Pest,

Er stand in Blitz und Hagel fest,

 

Gab Trost in Kriegs- und Liebeswirrn.

Ein Mädchen senkt an ihn die Stirn.

 

Und blieb doch immer still und stumm,

So bracht er tausend Jahr herum.

 

Doch einmal trat ich durch den Riß

Des Stammes, den der Blitz zerschliss,

 

Und nahm vom Boden ein Stück Holz,

Das schien mir wie ein Haupt so stolz.

 

Da fand mein Messer jener Rinde

Gesicht, und Worte raunt die Linde.